Der Sonnenträger

 

Ein ehemaliger Häuptling der Irokesen, der in seiner Blütezeit ein großer Krieger und mächtiger Mann war, wurde mit zunehmenden Alter zu schwach zum Jagen und Arbeiten. Deshalb wurde der einst so wichtige Mann von seinem Stamm, wie es der Brauch war, verstoßen, denn er wäre nur noch eine große Last und dadurch zu einer Gefahr für den Wanderstamm geworden. Der frühere Häuptling akzeptierte sein Schicksal, packte seine wenigen Habseligkeiten zusammen und verlies den Stamm. Mit letzter Kraft erstieg er einen sehr hohen Berg und bettete sich zur Ruhe auf sein Sterbelager. Er sang sein eigenes Todeslied um in Frieden sterben zu können.
Sein Todeslied war jedoch so Laut und Durchdringend, dass es sein Volk in der Ebene noch hören konnte. Sein Stamm empfand große Ehrfurcht vor dem Weisen alten Mann und seiner Kraft, dass dieses Todeslied von seinem Stamm in Ehren gehalten wurde und zur Hymne des Stammes wurde. Nach einiger Zeit sahen die Irokesen ein helles, weißes Licht über dem Gipfel des Berges und sie wurden Zeugen, wie der ehemalige Häuptling allmählich in die Wolken eingeschlossen, sein Gesang immer leiser wurde, bis der alte Mann verschwand und der Gesang nicht mehr zu hören war.

Der ehemalige Häuptling war zu den Göttern gegangen, die ihn mit einer neuen wichtigen Aufgabe betrauten und ihm seine Kraft zurückgaben. Nun trägt er die Sonne über den Himmel. Er hält sie hoch über die Felder und den fruchtbaren Boden, denn er ist ein weiser Mann.
Im Herbst, wenn er müde wird, gibt er die Sonne an seinen Sohn, der ihn vertreten soll. Der alte Mann ruht sich dann im Sternbild des Orion aus.
Doch der Sohn hat noch nicht die Weisheit des Alters, er trägt die Sonne nicht so hoch und auch nicht die vielen Stunden am Tag, wie sein Vater. Deshalb hat die Sonne nicht die Wärme und die Kraft wie im Sommer, wenn sie von dem alten Mann getragen wird.

     
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